Werkstatt

Notebook 04. 11. 2010

Am 14. November fliege ich nach Amsterdam. Ein Mammutprogramm: Fünf Tage - neun Lesungen. Veranstalter ist das Goetheinstitut Amsterdam.

Die meisten Leute sind erstaunt, warum ich als Profi immer noch Lampenfieber vor einer Lesung habe. Und jeder betont, er hätte nicht den Mut vor zehn, fünfzig, hundert Menschen aufzutreten. Aber wie vieles im Leben ist nicht die Frage, ob man etwas kann, sondern will ICH es?

Neun Mal immer derselbe Text: Das Tal. Season I. Das Spiel.

Ist das nicht langweilig?

Nein, denn jedes Publikum ist anders.

Es liegt an mir, ob ich die Zuhörer begeistern kann. Daher auch das Lampenfieber. Ich muss meinen Text so lesen, als sei er auch für mich neu und aufregend.

Jugendliche sind ein anspruchsvolles Publikum. Wenn ich sie langweilig, werden sie unruhig. Sie beginnen zu flüstern und im schlimmsten Fall packen sie ihre Pausenbrote aus. Aber - wenn ich es schaffe, sie in den Bann zu ziehen, sind sie die besten Zuhörer überhaupt.

Also beginne ich jede Lesung mit einer kurzen Einführung in die Handlung und die wichtigsten Personen. Nur nicht zu viel reden, sonst schalten sie ab. Für Fragen zu meiner Person und Arbeit ist später noch Zeit. Jetzt muss ich das Publikum von meinem Buch überzeugen. Also beginne ich zu lesen. Und wenn es still wird im Saal und ich in die Gesichter sehe, spüre ich sofort: Werde ich es schaffen sie zu fesseln? Immer wieder nehme ich Blickkontakt auf. Nein - ich lese nicht für mich. Ich lese für mein Publikum.

Das bedeutet jedes Mal: Ich muss mich gut vorbereiten. Ich muss die spannendsten Stellen auswählen. Ich muss den Text, den ich lese, dramatisieren.

Dramatisieren? Was heißt das?

Ich markiere die wichtigsten, schönsten Sätze. Ich setze Betonungen. Ich übe tagelang die Dialoge. In jeder Minute des Vorlesens muss ich die Stimmung im Text vermitteln. Hier ein Flüstern, da eine wütende Bemerkung und an den dramatischen Stellen muss meine Stimme zittern vor Angst. Ich kann die Zuhörer zum Lachen bringen. Ich kann atemlose Stille im Saal erzeugen.

Aber am Ende sollen die Zuhörer weinen.

Warum?

Weil ich immer an der spannendsten Stelle aufhöre zu lesen.

Notebook 30.11.2009 Ein Freitag

DAS TAL. SEASON I. DAS SPIEL

So lautet wohl der Titel der neue Jugendbuchserie. Ca. 50 Seiten so weit fertig, dass ich aufatme. 200 Seiten befinden sich im Rohzustand. Jetzt wird jedes Kapitel durchgeackert. Was es alles zu beachten gibt. Stelle mir vor, zu jedem Kapitel gibt es ein Fenster, durch das ich einsteige. Keine Ahnung, weshalb ich nicht lieber die Tür nehmen. Vielleicht wäre dies zu einfach. Und dann muss ich mich der neuen Existenz versichern. Welcher Tag ist heute? Wie ist das Wetter? Ist es ein wunderschöner Morgen oder ein nebliger Abend? In welchem Raum befinde ich mich? Bin ich alleine oder treffe ich all die anderen Figuren im Buch? Julia Frost, ihren Bruder Robert, den düsteren Chris, die strange Katie, die schöne Rose, die nervende Debbie, Benjamin den Clown, David - der die Welt retten will. Bin ich Gedanken versunken oder muss ich eine Unterhaltung führen? Gibt es neue Spuren, die den Tod erklären? Wo sind die Konflikte, das Drama, die Freude, die Angst, die Hoffnung? All dies muss in ein winziges Kapitel von 5 - 10 Seiten gepackt werden. Und jeder Satz ist das Ergebnis der 50 vorangegangen Seiten und hat Folgen für die folgenden 200. 

Wow!

In Büchern zu leben ist anstrengender als die Realität.

Notebook 11.08.2009 Ein Dienstag

Recherche in Polen am Bergsee Morskie Oko, was so viel heißt wie Meerauge. Es geht nämlich die Sage, der See habe eine unterirdische (wie auch sonst) Verbindung zum Meer (zu welchem auch immer).

Es gibt nur Möglichkeiten:
Entweder man geht 10 Kilometer zu Fuß.
Oder man fährt mit dem Pferdefuhrwerk.
Nachdem vor Wochen, beladen mit mehr als vierzehn Touristen, ein Pferd in praller Sonne erstickt ist oder einen Hitzeschlag erlitt, ist die Anzahl der Sitzplätze streng begrenzt. Deshalb steht man zwei Stunden in der Schlange, um einen Platz zu ergattern.

Mit dem Laptop in der Handtasche entscheide ich mich für die abenteuerliche Kutschenfahrt und den Kutscher in der adretten Tracht polnischer Górale - was so viel heißt wie Bergbewohner der Karpaten.

Zehn Kilometer - kurvenreich und mehr als holprig. Fichten begrenzen zu beiden Seiten den Weg und lassen keinen Blick in das Innere des Waldes zu. Unheimlich und mystisch.
Ha! Genau wie es im Buch sein soll!
Wenn Phantasie auf Wirklichkeit trifft.
Dracula lässt grüßen!

Notebook 21.07.2009 Ein Dienstag

Für alle, die einen Blick in die Werkstatt eines Autors werfen wollen, öffnet sich hier von Zeit zu Zeit der Vorhang.

Was sehen Sie?

Eine Autorin, die schreibt: Nun Sie haben Glück, ich befinde mich zur Zeit tatsächlich in der sogenannten Schreibphase. Das heißt - fünf Seiten am Tag am neuen Roman schreiben.
Rechnen Sie kurz : Fünf Seiten pro Tag an sieben Tagen -  ergibt 35 Seiten die Woche.

Doch davon ist eine totaler Schrott,
zwei sind völlig unbrauchbar,
drei todlangweilig,
auf vier Seiten findet kein Dialog statt,
auf fünf Seiten fehlt der Konflikt,
auf sechs Seiten passiert nichts Neues,
auf sieben Seiten reden die Personen völlig durcheinander,
auf den restlichen hält sich die Handlung nicht an den Plot!

Und das Ganze nenne ich dann Rohfassung!